Soziale Marktwirtschaft : Warum Gewinne kein Schaden für Arbeitnehmer sind
Die Linke will enteignen, Gewerkschaften kultivieren Klassenkampf. Nun hält die bayerische Wirtschaft dagegen – mit einer Studie, die erklärt, warum auch Arbeitnehmer von Unternehmensgewinnen profitieren.
Machen die Unternehmen im Land gute Gewinne, zeugt das von Erfolg und Wirtschaftskraft – so war es in der Sozialen Marktwirtschaft lange Zeit weithin akzeptiert. Doch die Verhältnisse haben sich geändert. Das zeigt nicht nur die Popularität der Enteignungspläne, mit denen die Berliner Linke Wahlkampf macht. Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) hat sich diesmal zum 1. Mai demonstrativ auf seine klassenkämpferischen Wurzeln besonnen. Mit der Kampagne „Erst unsere Jobs, dann eure Profite“ baute er einen klaren Gegensatz zwischen Gewinnen und dem Wohlergehen der Beschäftigten auf.
Verteidiger der marktwirtschaftlichen Ordnung sehen sich umso stärker herausgefordert, die eigenen Argumente zu schärfen. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) hat sich dieser Aufgabe nun gestellt – mit einer Studie, die das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in ihrem Auftrag verfasst hat. Sie liefert eine theoretische und empirische Fundierung dafür, dass Gewinne doch kein unanständiger Luxus auf Kosten Dritter sind.
Ohne Aussicht auf Gewinn keine Investitionen
Es beginnt mit dem Kern der Marktwirtschaft: Aussicht auf Gewinn sei der zentrale Anreiz, unternehmerisch tätig zu werden und zu investieren. „Hohe Gewinne sind das Signal, dass sich Investitionen in bestimmte Tätigkeiten lohnen, weil dort aufgrund der Nachfrage eine ausreichende Zahlungsbereitschaft besteht.“ Dies trägt dazu bei, dass Produktion nicht systematisch an den Wünschen der Nachfrager vorbeiläuft.
„Zu hohe“ Gewinne könne es hingegen eigentlich kaum geben, jedenfalls nicht bei funktionierendem Wettbewerb, stellt die Analyse heraus. Gute Gewinnaussichten locken weitere Unternehmen an, die dann mit besserem Preis-Leistungs-Verhältnis um Marktanteile konkurrieren. Und notfalls setzen staatliche Wettbewerbshüter den Marktzugang gegen die Macht einzelner Unternehmen durch.
DGB sieht Gegensatz zwischen Gewinnen und Arbeitsplätzen
„Ausreichende Gewinne sind die Voraussetzung für das Fortbestehen von Unternehmen und damit auch von deren Arbeitsplätzen“, folgert VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt. „Neid oder Verteilungsdebatten sind fehl am Platz.“ Für „plakative Diskussionen“ eigne sich das Thema nicht. „Von ausreichenden Gewinnen profitieren auch die Beschäftigten“, betont er.
Die Gewerkschaften gehen indes davon aus, dass Gewinne den Beschäftigten schaden. Denn mit demselben Geld, so die Idee, könnten die Unternehmen ja sonst Löhne erhöhen oder unrentable Arbeitsplätze finanzieren. „Gute Arbeit, sichere Arbeitsplätze und soziale Sicherheit müssen immer Vorrang haben vor kurzfristigen Renditeinteressen“, mahnte am 1. Mai der DGB. Inwieweit er „langfristige Renditeinteressen“ anders beurteilt, blieb damals offen.
Wirtschaft in der Krise, Lohnquote auf Rekordniveau
Dass deutsche Unternehmen derzeit hohe Gewinne zulasten ihrer Arbeitskräfte machen, widerspricht den Wirtschaftsdaten. Das IW führt hier die Lohn- und Gewinnquoten an, wie sie die amtliche Statistik erhebt. Der Anteil der Unternehmens- und Vermögenseinkommen am gesamten Volkseinkommen erreichte demnach 2025 einen Tiefstand von 25 Prozent. Dagegen stieg der Anteil der Löhne am Volkseinkommen auf 75 Prozent, zehn Prozentpunkte mehr als im Jahr 2007. Zwar gebe es Jahre, in denen die Gewinne in einzelnen Bereichen stärker steigen als die Löhne. Das liege aber vor allem daran, dass sie stärker schwanken, so die Analyse. Gewinne können sogar negativ werden, Löhne nicht.
In einem weiteren Abschnitt prüft das IW, inwieweit Unternehmen in Deutschland eine ausreichende Gesamtkapitalrendite erzielen, um sich zuverlässig finanzieren zu können. Dazu werden Daten der Bundesbank und der NYU Stern School of Business genutzt. Diese „notwendige Rendite“ beträgt demnach knapp fünf Prozent. Im gesamtwirtschaftlichen Mittel wurde dieser Wert seit 2015 meist um etwa einen Prozentpunkt übertroffen, wie die Auswertung zeigt. Anders sah es aber in der Industrie, dem „Herz der Wirtschaft“, aus. Dort wurde die „notwendige Rendite“ seither im Schnitt nur noch knapp erreicht. Folge: Umso eher werde Kapital anderswo investiert.
Außerdem untersuchte das IW, wie gut sich der Zusammenhang zwischen Gewinnen und Arbeitsplatzaufbau auch konkret mit Unternehmens- und Branchendaten belegen lässt. Das ist nicht einfach, weil es personalintensive Geschäfte mit niedrigen Renditen und kapitalintensive Geschäfte mit hohen Renditen gibt. Eines sei aber signifikant: Wächst die Umsatzrendite eines Unternehmens, erhöht es im Jahr darauf in der Regel die Investitionen und sucht neues Personal.
Für VBW-Hauptgeschäftsführer Brossardt sind dies freilich nicht nur Argumente zur Verteidigung der Marktwirtschaft – sondern auch lohnpolitische Warnsignale an die IG Metall. „Wir brauchen einen moderaten, verantwortungsvollen Abschluss“, forderte er mit Blick auf die große Tarifrunde im Herbst. „Nicht weil wir die Leistung der Beschäftigten nicht schätzen. Sondern weil moderate Abschlüsse heute die Voraussetzung dafür sind, dass es morgen überhaupt noch etwas zu verteilen gibt.“