Menschliches Verhalten : Was die Hitze mit uns macht
Über den Zusammenhang von Hitze und menschlichem Verhalten ist noch nicht allzu viel bekannt. Doch der Fußball zeigt’s: Hohe Temperaturen sorgen für Spannung.
Die Klimaerwärmung belastet die Weltwirtschaft. Das wissen wir spätestens seit den Studien des Nobelpreisträgers William Nordhaus. Ein Anstieg der globalen Durchschnittstemperaturen um 3,5 Grad Celsius, so wurde geschätzt, würde die weltweite Produktion am Ende des Jahrhunderts um 7 bis 14 Prozent reduzieren. Das hängt zum einen mit Umweltdesastern und den Risiken durch extremes Wetter – etwa Starkregenfälle – zusammen, die der Klimawandel mit sich bringt, zum anderen aber auch mit rückläufiger Arbeitsproduktivität bei höheren Temperaturen.
Spekulative Thesen
Über den Zusammenhang von Hitze und menschlichem Verhalten wissen wir noch nicht allzu viel. Berühmt sind die Einlassungen Montesquieus über den Zusammenhang von gemäßigtem Klima und dem politischen Leben, das in solchen Zonen ebenfalls weniger zu Extremen neige. Sofern die Wirtschaft von einer Politik profitiert, die nicht autoritär ist – aber was machen wir mit China? –, könnte so ein Zusammenhang von Wetter und Wachstum hergestellt werden. Montesquieus Thesen waren freilich sehr spekulativ.
Begeben wir uns darum einmal ans andere Ende der Erkenntnis und betrachten einen sehr konkreten Fall. Es wurde zuletzt viel über die „Trinkpausen“ bei der Fußballweltmeisterschaft gesprochen. Offiziell gelten sie der Erholung von Spielern bei hohen Temperaturen. Vermutet wird aber, in Wahrheit gehe es um zusätzliche Zeit für Fernsehreklame in der für Werbeunterbrechungen sonst so ungeeigneten Sportart. Je nach Hitze im Stadion überwiegt die eine oder die andere Deutung.
Berichtet wurden Temperaturen zwischen 22 Grad Celsius in vollklimatisierten Stadien (Houston, Dallas, Atlanta) und in Kanada und mehr als 40 Grad im Schatten in Arenen ohne Überdachung (beispielsweise Miami, Kansas City, Monterrey, Guadalajara). Manche Mannschaften setzen Kühlwesten ein, die vor dem Spiel getragen werden.
Der tschechische Ökonom Vojtěch Mišák hat gerade anhand eines großen Datensatzes untersucht, wie sich Hitze im Stadion auf das Spiel auswirkt. Seine Studie ist überhaupt die erste umfassende zu dieser Frage. Der Zusammenhang von Hitze und Kriminalität ist untersucht worden: Er ist positiv, und bei Regenwetter erfolgen offenbar weniger Gewaltverbrechen. Es gibt Untersuchungen, wonach hohe Temperaturen das Investitionsverhalten an Börsen beeinflussen – auch wenn man sich fragt, ob denn die Investments im Freien erfolgen. Und es gibt Studien, wonach die Qualität von Tennisspielern bei höheren Temperaturen stark abnimmt. Das klingt trivial. Insgesamt ist der Erkenntnisstand über die Folgen von zunehmender Hitze für das soziale Handeln in einer Gesellschaft, die erheblichen Klima- und Wetterveränderungen entgegensieht, also sehr überschaubar.
Fußballspiele sind für Mišák natürliche Experimente, um den Zusammenhang eines Umweltfaktors mit menschlicher Produktivität zu messen. Es gehe dabei um eine komplexe Produktivität, weil Leistung im Fußball auf physischen, kognitiven, strategischen und kooperativen Eigenschaften eines Teams beruhe. Die Spieler stehen überdies unter Erfolgsdruck in einem hoch bezahlten Geschäft. Ihre Leistungen seien außerdem gut messbar.
Herangezogen wurden Spiele der Champions League und aus zehn verschiedenen nationalen Meisterschaften zwischen 2006 und 2024. Gemessen wurden sechs Temperaturklassen, von unter 6 Grad Celsius bis mehr als 22 Grad Celsius. Darüber hinaus macht er keine Aussagen, was die Bedeutung seiner Ergebnisse für die Spiele der Weltmeisterschaft natürlich einschränkt, bei denen 22 Grad noch die kühlsten Umstände waren.
Die Spielkontrolle leidet
Die Produktivität der Mannschaften wurde durch Indikatoren wie die erzielten Tore, die Tore pro Schuss, die Gesamtzahl der abgegebenen Schüsse, der Verwertung von Standardsituationen (Ecke, Freistoß) erhoben. Ballbesitz, Passquoten und „blockierte Schüsse“ kamen hinzu. Die Zahl der Fouls und der Gelben wie der Roten Karten sollte darauf hinweisen, wie aggressiv gespielt wurde.
Der Temperaturbereich von 10 bis 14 Grad Celsius bildete die Referenzgröße gegenüber der Größe, die die Abweichung bei allen anderen Temperaturen bestimmt. So erhöhte sich die Zahl der Schüsse, der Verwandlungen von Standards und der erzielten Tore geringfügig (zwischen etwa 2,5 und 6,5 Prozent), aber signifikant bei Temperaturen über 22 Grad. Angriff scheint von Hitze begünstigt zu werden. Dagegen nehmen Passhäufigkeit und Passgenauigkeit ab. Die Spielkontrolle leidet, wenn es wärmer wird. Das passt zu älteren Ergebnissen, wonach bei höheren Temperaturen begreiflicherweise das Spieltempo und die Laufintensität abnehmen. Es fallen also nicht mehr Tore, weil druckvoller gespielt wird, sondern weil sich mehr Räume öffnen und weniger aufmerksam gespielt wird.
Das gilt insbesondere in England und den Niederlanden, wo offenbar schlechtes Wetter erwartet wird und gutes Wetter stärker irritiert. In der Champions League hingegen haben höhere Temperaturen keine signifikanten Auswirkungen. Das deutet auf eine stärkere Unabhängigkeit von Temperaturen bei Spitzenteams hin.
Dasselbe gilt für die Aggressivität des Spiels in Abhängigkeit von der Temperatur. Sie ist in niedrigeren Ligen am höchsten. In England und den Niederlanden nehmen die Gelben und Roten Karten bei gutem Wetter ebenfalls stärker zu als andernorts. Insgesamt nimmt der Zusammenhang von Hitze und Aggressivität die Form einer umgekehrten U-Kurve an: Sie steigt stark an, um von 22 Grad Celsius an wieder zu fallen. Irgendwann wird es offenbar zu heiß, um noch hitzig zu spielen.
Wie stark der Prager Ökonom seine Korrelationsanalysen gegenüber anderen Faktoren isoliert hat, die zu aggressiverem Spiel führen können, geht aus seiner Untersuchung nicht hervor. Man könnte an knappe Spielstände denken, die mehr Emotion mit sich bringen, an Lokalderbys oder an Situationen, in denen es um Abstieg, Aufstieg oder die Meisterschaft geht. Vom „Schönwetterfußball“ lässt sich nach seinen Auswertungen aber kaum mehr sprechen. Denn sie drängen es den Zuschauern geradezu auf, bei hohen Temperaturen ins Stadion zu gehen, weil dann mehr Tore fallen und mehr los ist. Anders als in Bezug auf die Demokratie möchte nämlich niemand ein „gemäßigtes Spiel“.