Borromäische Inseln : Diese Pracht muss man gesehen haben

Die Borromäischen Inseln im Lago Maggiore sind eine Welt für sich. Ihre prachtvollen Gärten vereinen botanische Vielfalt, Gartenkunst und mediterranen Flair.

Wenn süßes Leben, dann richtig. Mit Wasserplätschern, Inselromantik, Bootstour und Blütenekstase. An diesem Morgen kommt noch eine besondere Stimmung dazu. Nebelschleier umgeben die Inseln. Nur das Bergpanorama im Hintergrund durchbricht den Dunst. Noch fehlt der Sonne die Kraft, aber sie ist spürbar. Die Magie, die über der Szenerie liegt, wirkt wie inszeniert.

Die Borromäischen Inseln am westlichen Ufer des Lago Maggiore sind eine Bühne der Gartenkunst, eine grandiose, bisweilen pompöse, immer aber üppig begrünte Kulisse, durchzogen von Terrassen und Palmen, leuchtenden Rhododendren, Ruhe ausstrahlenden Hecken und historischen Bauten. Ein Ort, der auf wenig Fläche einen immensen Reichtum präsentiert, nicht nur botanischen. Ein Gartenort in höchster Vollendung.

Sehnsuchtsziele für Gartenreisende

Wenn Grandezza, dann hier. Schon die Fährfahrt von der Anlegestelle im beschaulichen Örtchen Stresa wird zu einer attraktiven Reise. Zwei Inseln voller tropischer Üppigkeit sind Sehnsuchtsziele für Gartenreisende. Wobei der Lago Maggiore in der italienischen Region Piemont immerwährende Anreize bietet.

Der Mailänder Gartendesigner Filippo Pizzoni kennt die Gärten seit seiner Kindheit als Ausflugsziel. Heute kümmert er sich als Kurator um den Erhalt der historischen Anlagen. „Es ist die Mischung, die mich fasziniert“, sagt er. Die begehrte Inselgruppe, die jährlich mehr als eine Million Gäste anlockt, besteht aus mehreren Inseln, von denen drei besonders berühmt und zugänglich sind: Isola Bella, Isola Madre und Isola dei Pescatori, die stimmungsvolle, bewohnte Fischerinsel, die ganz traditionell mit Restaurants und Gassen daherkommt. Jede der Inseln hat einen eigenen Charakter. Jede bietet eigene Stimmungen. Die Vergangenheit glitzert durch, der leicht marode Charme ist Teil der heutigen Faszination in diesem Mix aus Epochen und Stilen. Die Gärten liegen in einem Spannungsfeld zwischen umliegenden Bergen und der großen Wasserfläche.

Das Mikroklima des Lago Maggiore ist entscheidend

Der Erfolg der Borromäischen Gärten hängt mit dem Mikroklima des Lago Maggiore zusammen. Obwohl die Inseln nahe den Ausläufern der Alpen liegen, mildert das Gewässer die saisonalen Temperaturen, verringert die Härte der Winterfröste und sorgt das ganze Jahr über für ein überraschend mildes Klima und nur wenig schwankende Temperaturen. Gut vier Grad wärmer ist es auf den Inseln als am Ufer des Festlands. Palmen und Agaven hätten es andernorts schwerer zu gedeihen, hier fühlen sie sich neben den heimischen Gewächsen wohl. Dabei führen beide Blumeninseln verschiedene Leben.

Die Isola Bella lebt von ihrer architektonischen Gestaltung. Der Garten ist in zehn aufsteigenden Terrassen angelegt, die sich pyramidenförmig über der Insel erheben. Aus der Ferne erinnert das Ganze an ein mächtiges Schiff, das im See vor Anker liegt. Aus der Luft erinnert die schöne Insel eher an einen martialischen Flugzeugträger.

Adelsfamilie Borromeo und ihre Inseln

Wer die Terrassen erklimmt, ist von Zitrusgehölzen aller Art umgeben, von mannshohen Rosen und seltenen Gehölzen. Botanik trifft auf Kunst. Zwischen Balustraden, Brunnen und Skulpturen öffnen sich Blickachsen über den See mit Blick auf die Bergketten. Unter der Vielzahl der berühmten italienischen Gärten haben die Inseln eine Ausnahmestellung. „Sie sind von großer Bedeutung, nicht nur weil sie großartig und prächtig sind, sondern auch weil sie seit Jahrhunderten in bestem Zustand gepflegt und erhalten und nie aufgegeben oder vernachlässigt wurden, wie es bei vielen anderen historischen italienischen Gärten der Fall war“, sagt Gartenkurator Pizzoni.

Wer die Geschichte der Inseln erzählt, kommt um die Mailänder Adelsfamilie Borromeo nicht herum. Seit dem 16. Jahrhundert gehören sie der Familie. Einst waren die Inseln karge, unbewohnte Orte, doch dann entstanden repräsentative Garten- und Schlossanlagen. Die spektakulärste Anlage steht auf der Isola Bella.

Schönheit mit Tendenz zum Mondänen

Carlo Borromeo III. (1586–1652), einst Gouverneur über den Lago, nahm viel Geld in die Hand, um der Isola inferiore, der unteren Insel, ein neues Gesicht zu geben. Gewidmet ist der Ort seiner Frau Isabella d’Adda. Ihr Mann selbst starb noch vor der Vollendung seiner gärtnerischen Vision. Es war Sohn Vitaliano VI. (1620–1690), der der Insel ein neues Gesicht gab. Über Jahrzehnte zogen sich die aufwendigen Bauarbeiten. Ingenieure, Handwerker und Gärtner verwandelten das felsige Eiland in ein barockes Meisterwerk. Immer mehr Pflanzen und Samen wurden gekauft. Es entstand eine Schönheit mit der Tendenz zum Mondänen, mit frei laufenden weißen Pfauen, die längst ein Markenzeichen der Insel sind. Stolz und anmutig spazieren sie durch Beete und über Terrassen. Sie komplettieren den Schauwert, wenn sie elegant Räder schlagen. Bei Mark Twain blitzte Ironie durch, als er die Isola Bella als „teure, aber geschmacklose Hochzeitstorte“ bezeichnete. Für viele andere ist die Insel der Garten der Gärten.

Während die Isola Bella barocke Gartenkunst präsentiert und die Pflanzen schön, aber nicht vordergründig sind, lebt die größte der Inseln, die Mutterinsel Isola Madre, von der botanischen Vielfalt. „Madre ist ein botanischer Garten, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Landschaftsstil angelegt wurde“, erzählt Pizzoni. „Man sieht es schnell an der für diese Zeit typischen Gestaltung. Da sind die botanischen Sammlungen exotischer Pflanzen, dann der Landschafts- und Naturstil, eine Mode der Zeit. Es ist ein Garten, der noch heute die Bildsprache und Atmosphäre jener glanzvollen Ära von großem botanischen Interesse vermittelt.

Die Isola Madre lädt zum Entdecken ein

Zwischen erhabenen Zedern, alten Magnolien und zauberhaften Kamelien wachsen subtropische Arten aus Asien, Australien und Amerika. Bambushaine, Zylinderputzer, Rhododendren, Farne, Glyzinien und exotische Sträucher prägen die Gartenräume dieses englischen Landschaftsparks. Hier geht es weit weniger spektakulär als auf der Isola Bella zu. Gewundene Wege, offene Rasenflächen und dichte Bepflanzungen laden zum Entdecken ein. Eine umfangreiche Kameliensammlung lockt im Frühjahr. Weitere Blütenträume werden bis in den Herbst wahr. Für den Schriftsteller Gustave Flaubert war Madre „der sinnlichste Ort, den ich je auf der Welt gesehen habe“, schrieb er einst. Sein Eindruck wäre heute mit den massentouristischen Exzessen sicher etwas anders ausgefallen.

Einige der Pflanzen sind mehr als zweihundert Jahre alt und gehören zu den ältesten Exemplaren ihrer Art in Europa. Besonders emotional wird es beim berühmtesten Baum der Insel, der unmittelbar neben dem Palazzo steht: einer 1862 als Setzling aufs Eiland gekommenen Kaschmirzypresse (Cupressus cashmeriana). Sie gilt als ein Wahrzeichen der Insel. Vor 20 Jahren wurde das Gehölz von einem Wirbelsturm umgerissen. Ingenieure und Gärtner kämpften um sein Leben und richteten den Baum mit viel technischem Know-how wieder auf. Bis heute helfen Abspannseile aus Stahl dabei, die Zypresse zu erhalten. Aber der Baum mit seinem blaugrün hängenden Laub steht vital vor dem Gebäude und denkt nicht daran, in die Knie zu gehen.

Das sich wandelnde Klima macht es auch den Pflanzen auf den Inseln nicht leicht. Es wird nicht nur wärmer, sondern es kommt auch zu starken Regenfällen, heftigen Winden und Gewittern. Die Pflanzen stehen vor ganz unterschiedlichen Herausforderungen. Das Gartenteam schützt die winterharten Pflanzen, so gut es geht. „Wir vermeiden selbst das geringste Risiko“, sagt Pizzoni. „Hohe Hecken werden gepflegt, um die starken Winde abzuschwächen, die von allen Seiten des Sees her wehen und die stärker sein können als je zuvor.“ Eine weitere Gefahrenquelle jenseits der klimatischen Veränderungen sind für die Gärtner zudem die vielen Pflanzenkrankheiten, die immer wieder aus weit entfernten Regionen der Welt eingeschleppt werden.

Doch die Inselgärtner um Filippo Pizzoni arbeiten an der Zukunft. So ergänzen sie auch weiterhin einzelne Sammlungen seltener Arten, vor allem auf der Isola Madre, denn echte Raritäten werden immer seltener. Andererseits versuchen sie, widerstandsfähigere Pflanzen einzusetzen, um die Anzahl der Neuanpflanzungen zu reduzieren und nachhaltigere Bewirtschaftungsmethoden zu finden. Das Ziel aber hat sich über die Jahrhunderte nicht verändert: Die Gärten sollen sich mit üppigen und gesunden Pflanzen präsentieren – und dieser italienischen Mischung aus La dolce vita und Dolce far niente.