Schulfrei : Neun Wochen Ausnahmezustand schaffen einen Feriencamp-Boom

Neun Wochen schulfrei in Österreich bringen viele Eltern an ihre Grenzen. Zwischen Betreuungslücken und wachsenden Feriencamps wird der Sommer zur Kostenfrage.

Für Kinder sind Sommerferien ein Versprechen für eine Auszeit. Für viele Eltern in Österreich bedeuten dieselben neun Wochen dagegen eine logistische Hochleistung: Kalender jonglieren, Großeltern einspannen, Urlaubstage aufteilen, Camps buchen, Kosten vergleichen – und hoffen, dass am Ende keine Betreuungslücke bleibt. Die langen Sommerferien sind längst nicht mehr nur ein bildungspolitisches Thema. Sie sind eine Frage der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein sozialer Belastungstest – und ein wachsender Markt für Feriencamp-Anbieter.

Wie belastend diese Organisation ist, zeigt eine Studie des österreichischen Digital-Research-Marktforschungsinstituts Marketagent. Demnach halten neun von zehn die Zeit für berufstätige Eltern für schwer organisierbar. Als größte Herausforderung gilt die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung. Jede zweite befragte Person hält die Sommerferien für zu lang.

Österreich schielt nach Deutschland

Die Forderung nach Kürzung oder nach einer anderen Verteilung der Ferien kehrt daher regelmäßig wieder. Allerdings relativiert der europäische Vergleich das österreichische Problem teilweise. Nach der EU-Bildungsdatenbank Eurydice starten Österreichs Schüler vergleichsweise spät in die Sommerferien, und besonders lang sind sie im europäischen Maßstab nicht. In mehreren am Erasmus+-Programm teilnehmenden Ländern beginnen die langen Ferien bereits Ende Mai oder Anfang Juni, etwa in Lettland, Finnland, Island oder Irland. Kürzer als acht Wochen sind die Ferien nur in einer kleineren Zahl von Staaten oder Regionen, etwa in Norwegen, Dänemark, den Niederlanden, Frankreich, Liechtenstein, der französischen Gemeinschaft Belgiens sowie in mehreren deutschen Ländern und Schweizer Kantonen.

Für die Alltagserfahrung österreichischer Familien ändert dieser Vergleich wenig. Entscheidend ist nicht der europäische Durchschnitt, sondern die Lücke zwischen Schulferien und Arbeitsrealität. Genau diese Lücke hat einen Markt entstehen lassen, der in den vergangenen Jahren immer professioneller geworden ist. Feriencamps, Sportwochen, Sprachprogramme, Outdoorabenteuer, Multimedia-Kurse, Wissenschaftswochen, gemeindenahe Tagesbetreuung und betriebliche Ferienangebote konkurrieren um Kinder, Jugendliche – und um das Budget der Eltern.

Finanzielle Belastungsprobe

Nach Angaben aus der Marketagent-Studie berichten drei Viertel der Eltern von zusätzlichen finanziellen Belastungen durch Sommerferien und Ferienbetreuung. Wer organisierte Sommerbetreuung nutzt, gibt im Schnitt 454 Euro pro Kind aus. Fast jede zweite betroffene Familie bezahlt für solche Angebote. Für Anbieter ist daraus ein wachsender Wirtschaftszweig geworden. Gefragt sind Englischkurse mit Freizeitprogramm, Outdoorwochen mit Hochseilgarten und Rafting, Reitcamps, Segelkurse, Medienworkshops oder Angebote, die Lernen und Erholung verbinden. Auch Unternehmen investieren vermehrt in betriebliche Ferienbetreuung, um Beschäftigte zu entlasten und Ausfälle im Sommer zu vermeiden.

Einer der großen privaten Anbieter in Österreich ist Young Austria. Das Salzburger Familienunternehmen bezeichnet sich als Österreichs größten privaten Anbieter für Schulreisen und Feriencamps. Seine Geschichte reicht bis in die Nachkriegszeit zurück. In den Jahrzehnten danach baute das Unternehmen Schulskikurse, Sprach- und Bildungsreisen sowie erste „Lern- und Aktivferien“ auf – jene Formate, aus denen später die Sommercamps hervorgingen. Seit 2018 führen Christina Kaltner-Kronlachner und Katrin Lengauer-Kaltner den Familienbetrieb in dritter Generation. Unterstützt werden sie von einem 25-köpfigen Kernteam und rund 280 saisonalen Betreuern. Jährlich organisiert Young Austria rund 1000 Gruppenreisen und betreut mehr als 3500 Kinder und Jugendliche aus dem In- und Ausland.

Campbranche floriert

Die Entwicklung des Unternehmens spiegelt den Wandel des Marktes. Um das Jahr 2000 führte Young Austria bereits seit fast 30 Jahren Feriencamps durch. Das Angebot bestand damals vor allem aus English Language Camps, Gesundheitsferien, darunter Adipositas-Camps, sowie Sportcamps mit Reiten, Tennis, Segeln und Surfen. Die Teilnehmer kamen überwiegend aus Österreich und Deutschland, zunehmend auch aus angrenzenden Nachbarstaaten. Die Aufenthaltsdauer betrug meist drei Wochen; neben dem Freizeitprogramm stand der Erholungseffekt im Vordergrund. Die Preise lagen bei rund 350 bis 400 Euro. Im Jahr 2000 nahmen rund 1000 Kinder und Jugendliche teil.

Heute sieht der Markt anders aus. „Die Nachfrage hat sich deutlich verändert“, sagt Kaltner-Kronlachner. „Während sich früher insbesondere Jugendliche zwischen zwölf und 16 Jahren für Feriencamps in Österreich interessierten, liegt der Fokus heute bewusst auf jüngeren Kindern zwischen acht und 14 Jahren. Für Eltern dieser Altersgruppe spielen kurze Anreisewege, Sicherheit und eine intensive Betreuung eine wesentlich größere Rolle.“ Auch die Dauer habe sich verschoben. Dreiwöchige Camps seien für viele Familien kaum mehr leistbar, weil die Kosten für Unterkunft, Betreuung und Anreise in den vergangenen 20 Jahren deutlich stärker gestiegen seien als die allgemeine Inflation. „Der Markt hat sich deshalb klar in Richtung ein- und zweiwöchiger Camps entwickelt“, sagen Kaltner-Kronlachner und Lengauer-Kaltner.

Gradmesser für soziale Ungleichheit

Diese Verkürzung zeigt, wie stark Ferienbetreuung in die Familienbudgets eingreift. Wer mehrere Kinder hat, muss genau kalkulieren. Ein Camp kann entlasten, wird aber schnell zum erheblichen Kostenfaktor. Daraus entsteht eine soziale Schieflage: Nicht alle Eltern können sich Urlaube, Feriencamps oder kostenpflichtige Freizeitangebote leisten. Während manche Kinder mehrere Wochen auf Reisen, in Sprachcamps oder bei Sportprogrammen verbringen, bleiben andere mangels Geld oder Angebot zu Hause. Die Sommerferien werden so auch zu einem Gradmesser sozialer Ungleichheit.

Die Debatte kreist deshalb nicht nur um die Länge der Ferien, sondern auch um ihre Finanzierung. Zudem wirft Kinderbetreuung außerhalb von Bildungseinrichtungen Fragen nach Qualitätsstandards, Ausbildung, Aufsicht und Kinderschutz auf.

Gerade beim Thema Qualität versuchen etablierte Anbieter, sich abzugrenzen. Young Austria verweist auf ein geprüftes Kinderschutzkonzept, klare Richtlinien und speziell geschulte Betreuer. Bei jüngeren Kindern gebe es einen Betreuungsschlüssel von bis zu 1:6. „Persönliche Betreuung ist heute eines der wichtigsten Qualitätsmerkmale“, sagen Kaltner-Kronlachner und Lengauer-Kaltner. „Eltern wollen wissen, wer ihr Kind betreut, wie Konflikte gelöst werden und welche Schutzmaßnahmen es gibt.“

Nachfrage übersteigt Angebot

Auch andere etablierte Organisationen spüren den wachsenden Bedarf. Beim Österreichischen Alpenverein könnten Feriencamps inzwischen „mehrfach ausgeschrieben werden“, sagt Jürgen Einwanger, Leiter der Alpenverein-Akademie in Innsbruck. Dass dies nicht geschehe, liege an den verfügbaren Ressourcen. Für den Alpenverein gelte der Grundsatz: Qualität vor Quantität. Die Aussage verweist auf ein Grundproblem des Marktes. Zwar ist die Nachfrage groß, doch gute Betreuung lässt sich nicht beliebig skalieren. Es braucht ausgebildete Betreuer, passende Unterkünfte, Sicherheitskonzepte, Erfahrung im Umgang mit Gruppen und verlässliche Strukturen – zumal bei Outdoorangeboten, bei denen Risiko, Verantwortung und pädagogischer Anspruch besonders eng beieinanderliegen.

Auch inhaltlich hat sich das Geschäft stark verändert. Früher dominierten klassische Sportarten, heute stehen Abenteuer, Naturerlebnisse und persönliche Entwicklung im Mittelpunkt. Die Angebote decken Sprachen, Outdoor und Sport, Abenteuer, Kindercamps sowie Multimedia und Künstliche Intelligenz ab und richten sich an Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 16 Jahren, meist für eine oder zwei Wochen.

Digitale Medien behaupten sich auch im Campbetrieb

Auffällig ist der neue Stellenwert digitaler Medien. Einerseits gibt es Multimedia-Angebote, andererseits werben viele Camps mit Abstand vom Smartphone, Natur statt Bildschirm, Gemeinschaft statt Dauerkommunikation. „Digitale Medien und Smartphones nehmen heute einen wesentlich größeren Stellenwert im Alltag der jungen Generation ein als noch vor 20 Jahren“, beschreibt Kaltner-Kronlachner den Wandel. „Viele Kinder sind es gewohnt, ständig erreichbar zu sein und regelmäßig mit ihren Eltern zu kommunizieren. Während früher ein Anruf wöchentlich oftmals ausreichend war, wünschen sich viele Kinder heute deutlich häufiger Kontakt nach Hause.“ Zugleich suchten Eltern bewusst nach Angeboten, die eine Auszeit vom digitalen Alltag ermöglichen.

Die Anbieter reagieren auch auf veränderte Erwartungen der Kinder. Ein Feriencamp muss heute nicht nur sicher und gut organisiert sein, sondern auch etwas bieten: Hochseilgarten, Rafting, Canyoning, Hüttenübernachtung oder Naturabenteuer sprechen Eltern und Kinder gleichermaßen an. Zugleich gewinnt Lernen als Bestandteil des Ferienangebots an Bedeutung. Für private Anbieter ist diese Mischung aus Betreuung, Bildung und Erlebnis attraktiv. Für Familien kann sie ein Gewinn sein – oder zusätzlicher Druck, wenn das Geld fehlt.

Sport dominiert

Wie ausdifferenziert der Markt inzwischen ist, zeigt auch die Buchungsplattform ferien4kids.at. Es gibt sie seit 20 Jahren. Die Plattform ist nicht subventioniert und bündelt Angebote unterschiedlicher Veranstalter, die Eltern vergleichen und direkt buchen können. Zugleich tritt ferien4kids mit verschiedenen Firmen selbst als Veranstalter auf und betreut nach eigenen Angaben im Sommer rund 6000 Kinder an mehreren Standorten und in mehreren Bundesländern. „Vor 40 Jahren war das Angebot an Camps sehr überschaubar“, sagt Geschäftsführer Wolfgang Meister. Heute gebe es sehr viele Feriencamp-Anbieter und ein breites Angebot. „Man könnte fast sagen, jeder, der eine gute Idee hat und engagiert ist, versucht sich mit einem Feriencamp-Angebot.“

Die Nachfrage sei mit dem Angebot mitgewachsen – oder umgekehrt, sagt Meister. Besonders groß seien Angebot und Nachfrage bei Sportcamps. Schwimmen sei sehr beliebt. Trends seien schwer vorherzusagen, zeigten sich aber rasch in den Anmeldezahlen: Wenn eine neue Trendsportart auftauche, spiegele sich das auch bei den Camps wider, etwa bei Stand-up-Paddling, Scooter, Parkour oder Freerunning. Die Preise zeigen die Spannbreite des Marktes: Ein Tagescamp mit Betreuung von etwa acht bis 16 Uhr, Mittagessen, Lern- oder Trainingseinheiten und Animationsprogramm kostet meist rund 300 bis 400 Euro. Camps mit Übernachtung liegen häufig zwischen 500 und 1000 Euro für fünf bis sechs Nächte mit Vollpension und Programm. Teurere Angebote spüren in diesem Jahr Zurückhaltung. „Wir sehen heuer einen Buchungsrückgang bei den teureren Camps“, sagt Meister. „Man merkt, dass die Eltern sparen.“

Hinzu kommt die Frage der Rollenverteilung. Obwohl sich Familienmodelle und Erwerbsbiographien verändert haben, wird die Verantwortung für die Sommerferien in der öffentlichen Wahrnehmung noch immer stark bei den Müttern verortet. Die neun Wochen Ferien sind damit auch ein Gleichstellungsthema.

Am Ende bleibt ein widersprüchliches Bild. Österreichs Sommerferien sind im europäischen Vergleich nicht außergewöhnlich lang. Für Kinder sind sie eine notwendige Erholungsphase. Für viele Eltern aber sind sie neun Wochen Ausnahmezustand. Aus dieser Spannung wächst ein professioneller Betreuungsmarkt, der Familien entlastet, aber neue Kosten schafft. Die Frage lautet daher nicht nur, ob neun Wochen Ferien zu lang sind. Sie lautet vor allem: Wer trägt die Last dieser neun Wochen – und wer kann sie sich leisten?