Forscher Martin Andree : Das Internet in Zahlen
Der Kölner Medienwissenschaftler Martin Andree geht in seinem neuen Buch der Frage nach, auf welchen Plattformen wir im Internet unsere Zeit verbringen. Das ist seine Antwort.
Das World Wide Web entstand im Jahr 1989. Was folgen sollte: Graswurzelbewegungen. Was wir inzwischen erleben: Monopole. Es sind 17,7 Millionen Top-Level-Domains mit der Endung „.de“ kostenpflichtig registriert. Auf 500 dieser Angebote bündeln sich 86 Prozent der gesamten Aufmerksamkeit im Netz. Etwa 99,6 Prozent aller registrierten Domains bekommen gar keinen Traffic. So berichtet es Martin Andree in seinem neuen Buch „Vermessung der digitalen Welt“.
Der Kölner Medienwissenschaftler betont, dass die 500 genannten Angebote nicht etwa nur typische Nachrichtenseiten sind, sondern alle digitalen Märkte umfassen. Zwei Konzerne, Alphabet und Meta, vereinen 40 Prozent der Nutzung der gesamten digitalen Welt auf sich. Andree misst und macht sich den Gini-Koeffizienten zu eigen. Normalerweise quantifiziert dieser die Verteilung von Vermögen oder Einkommen in Gesellschaften. „Der Gini-Koeffizient nimmt stets einen Wert zwischen 0 und 1 ein. Der Wert 0 markiert die maximale Gleichheit, der Wert 1 dagegen die maximale Ungleichheit.“ Bei der Einkommensverteilung liegt Deutschland bekanntermaßen bei 0,3. In den USA liegt der Wert bei 0,49. Im digitalen Universum beträgt der Wert 0,987.
Andree schreibt, es sei erstaunlich, „dass man als Nutzer dieses ungeheure Ausmaß an Konzentration offenbar nicht wahrnimmt – vermutlich liegt es an der großen Anzahl der Angebote im Netz, die uns Vielfalt suggeriert, obwohl diese Vielfalt gar nicht genutzt wird“. Andree bilanziert: „Aus der Perspektive der digitalen Nutzung gibt es daher keine Vielfalt, jedenfalls nicht auf der Ebene der Domains. Aber das ist die Ebene, auf der in der Regel monetarisiert wird.“ Mathematisch betrachtet befinde man sich erstaunlich nahe am Maximalwert von 1,0. „In diesem Zustand des digitalen Universums würde die gesamte Aufmerksamkeit aller Nutzer nur noch von einem einzigen Anbieter abgedeckt und kontrolliert werden.“ Alle anderen Anbieter wären quasi „tot“; ihre Websites, Domains und Apps würden zwar existieren, ihre Nutzung aber nahezu null betragen.
Irreführende Zahlen werden als werbliches Aushängeschild genutzt
Andrees Ansatz ist die Realnutzungsmessung. In seiner Stichprobe befanden sich 8000 repräsentativ ausgewählte Personen. Das überzeugt und erscheint sinnvoller als die Angabe von Reichweiten. Diese Reichweiten sind, so erklärt Andree, „als Indikator für die Quantifizierung von Medienmacht und Meinungsmacht völlig unbrauchbar“. Reichweiten vermittelten ein falsches Bild. Stattliche 44 Anbieter hätten eine Reichweite von mehr als 50 Prozent (oder in absoluten Zahlen: mehr als 31,1 Millionen Nutzer in Deutschland). „Die Wirklichkeit sieht dagegen komplett anders aus – denn bei der Auswertung der aggregierten Nutzungsdauer wird deutlich, dass nur etwa ein Dutzend Plattformen eine signifikante Nutzung aufbauen, danach bricht der digitale Traffic fast vollständig ab.“
Entscheider, Politiker und Regulierer würden regelmäßig in die Irre geführt. Denn viele Reichweiten basierten auf der subjektiven Wahrnehmung von Studienteilnehmern, „die oft signifikant höher ausfallen als echte Reichweiten“. Dieselben irreführenden Zahlen werden gemäß Andree von Inhalteanbietern im ökonomischen Wettbewerb als werbliches Aushängeschild genutzt, um zu zeigen, wie bedeutsam sie sind. „In der Realität der digitalen Mediennutzung ist das genaue Gegenteil der Fall.“
In seiner prägnanten Studie stellt Andree die verschiedenen Nutzungen vor, denen Menschen in der digitalen Welt nachgehen: Filme schauen, Spiele spielen, soziale Medien, per Chat oder E-Mail kommunizieren, einkaufen, Onlinebanking und so weiter. Bemerkenswert sind beispielsweise folgende Einzelbefunde aus dem Buch: Der Anteil der Öffentlich-Rechtlichen in der Kategorie Media-on-Demand steigt stark an. „Allerdings müssen wir davon ausgehen, dass ein großer Teil dieses Wachstums auf neue Nutzergruppen zurückzuführen ist, also typischerweise recht alte Zielgruppen, die in den letzten Jahren ins Netz migriert sind.“
Eine spannende Momentaufnahme
Gaming ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, 84 Prozent aller Menschen in Andrees Stichprobe spielen im Netz. Interessant ist, dass man beim Gaming nicht die übliche Tendenz zur Monopolisierung beobachtet. Bei Suchmaschinen holen Ecosia und DuckDuckGo auf. Facebook wird viel von älteren Menschen genutzt, diese steigern ihre Nutzungszeit, „Aussagen, wonach Facebook quasi tot sei, sind also undifferenziert“, schreibt Andree. Die aggregierte Nutzungszeit von Tiktok beträgt nur 12 Prozent der Zeit, die Youtube erzielt. Bei der Plattform X, vormals Twitter, hat sich die Anzahl der Nutzer zwar halbiert, gleichzeitig hat sich die durchschnittliche Nutzungszeit pro Nutzer mehr als verdoppelt. Bei X sind 75 Prozent der Nutzer Männer.
Über rechte Alternativmedien wird viel gesprochen, die Nutzung ihrer Domains ist indes gering. Nur die wichtigsten vier Websites erzielten mehr als zehn Minuten Nutzungszeit im Monat, höher ist die Verbreitung über Plattformen wie Youtube. Alles in allem ist Andrees Studie eine spannende Momentaufnahme und eine sinnvolle Fortschreibung seines „Atlas der digitalen Welt“ (mit Timo Thomsen, Campus 2020). Indes, in einigen Jahren wird vieles schon wieder ganz anders sein.